Ein Mann, die Berge und eine Berufsbezeichnung, die heute vermutlich etwas anders ausfallen würde
Es gibt Lebensgeschichten, bei denen man schon nach den ersten Zeilen denkt: Das kann eigentlich nur im 19. Jahrhundert passiert sein.
Die Geschichte von Leo Dorn, dem sogenannten „Adlerkönig“, gehört eindeutig dazu.
Geboren wurde Leo Dorn am 16. Januar 1836 in Oberstdorf. Berge, Jagd und Natur lagen praktisch vor seiner Haustür – und gewissermaßen auch in der Familie. Sein Vater Ignaz Dorn war Jäger und Bergführer. Für den jungen Leo waren die Allgäuer Alpen also weniger imposante Urlaubskulisse als vielmehr Arbeitsplatz, Abenteuerspielplatz und vermutlich das, was wir heute etwas romantisch als „Homeoffice mit Bergblick“ bezeichnen würden.
Nur dass das Homeoffice damals deutlich gefährlicher war.
Mit 15 Jahren schon ziemlich schwindelfrei
Eine der Geschichten, die sich um Leo Dorn ranken, klingt heute fast unglaublich.
Im Jahr 1851, Dorn war gerade einmal 15 Jahre alt, soll er sich bei einem Volksfest vor rund 1.500 Zuschauern an einem Seil zu einem Adlerhorst im Oberstdorfer Oytal hinabgelassen haben, um die Brut aus dem Nest zu holen. Die Adlereltern waren davon – wenig überraschend – offenbar nicht besonders begeistert und sollen den jungen Dorn dabei angegriffen haben.
Aus heutiger Sicht wäre bei einer solchen Aktion vermutlich relativ schnell Schluss mit Volksfeststimmung.
Damals war das Verhältnis des Menschen zum Adler allerdings ein vollkommen anderes.
Der Steinadler galt vielerorts nicht als schützenswerter König der Lüfte, sondern als Konkurrent. Bergbauern fürchteten um Lämmer und Ziegenkitze, Jagdherren sahen in ihm einen Mitbewerber um Gams, Reh und anderes Wild.
Artenschutz? Fehlanzeige.
Dass wir diese Geschichte heute mit einem gewissen Kopfschütteln betrachten, zeigt vor allem eines: wie sehr sich unser Verständnis von Natur in gut 150 Jahren verändert hat.
Einer, der wirklich auf die Berge ging
Leo Dorn war allerdings weit mehr als nur Jäger.
Er galt als außergewöhnlich guter Alpinist und unternahm gemeinsam mit dem Bergführer und Jagdgehilfen Thaddäus Blattner schwierige Touren auf Berge wie die Höfats und den Schneck. Einige ihrer Anstiege waren für die damalige Zeit ausgesprochen anspruchsvoll.
Und während wir heute vor einer Wintertour Wetter-App, GPS-Track, Lawinenlagebericht, Funktionswäsche und vermutlich drei verschiedene Müsliriegel überprüfen, machte Leo Dorn das Ganze etwas ursprünglicher:
1882 gelang ihm die erste bekannte Winterbesteigung des Hochvogels.
Man darf also durchaus feststellen: Der Mann konnte Berg.
Vom Jagdgehilfen zum Leibjäger des Prinzregenten
Mit 21 Jahren trat Dorn 1857 als Jagdgehilfe in den Dienst des späteren Prinzregenten Luitpold von Bayern.
Luitpold hatte rund um Oberstdorf und Hindelang ein riesiges Jagdgebiet aufgebaut, das nach verschiedenen Erweiterungen zeitweise etwa 20.000 Hektar umfasste.
Und irgendjemand musste dort schließlich nach dem Rechten sehen.
Dorn machte Karriere und wurde 1881 zum Oberjäger und Jagdverwalter der Oberstdorfer und Hindelang-Hintersteiner Reviere ernannt.
Seine Arbeit bestand dabei keineswegs darin, gemütlich mit Pfeife vor einer Jagdhütte zu sitzen und gelegentlich durchs Fernglas zu schauen.
Dorn ging energisch gegen Wilderer vor und gab später an, insgesamt 41 Wildschützen gestellt zu haben – manche davon verfolgte er bis nach Tirol.
Man könnte sagen:
Grenzüberschreitende Ermittlungsarbeit auf Allgäuer Art.
Wie Leo Dorn zum „Adlerkönig“ wurde
Seinen berühmten Beinamen erhielt Dorn allerdings wegen einer Tätigkeit, die wir heute ganz anders beurteilen.
Er jagte Steinadler.
Und zwar viele.
Am 10. November 1890 soll Dorn seinen 50. Adler erlegt haben. Prinzregent Luitpold verlieh ihm daraufhin per Urkunde den Titel „Adlerkönig“. Über die Gesamtzahl der von Dorn getöteten Adler gehen die historischen Angaben auseinander. Genannt werden Zahlen zwischen etwa 76 und 100 Tieren.
Die Adler wurden damals keineswegs nur als Jagdtrophäen betrachtet. Federn dienten beispielsweise als Schreibfedern oder Hutschmuck, Flaum und Fänge wurden ebenfalls weiterverkauft.
Heute klingt das befremdlich.
Und genau deshalb sollte man die Geschichte nicht einfach mit heutigen Maßstäben verurteilen – aber eben auch nicht romantisieren.
Leo Dorn lebte in einer Zeit, in der große Greifvögel systematisch verfolgt wurden. Der Adler war für viele Menschen kein Symbol für eine intakte alpine Natur, sondern ein vermeintlicher Schädling.
Was damals ausgezeichnet wurde, wäre heute aus gutem Grund verboten.
Heute bleibt die Flinte unten
Glücklicherweise hat der „Adlerkönig“ heute ausgedient.
Der Steinadler gehört zu den geschützten europäischen Vogelarten. In Deutschland ist es verboten, besonders geschützten wildlebenden Tieren nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Auch der Schutz ihrer Brut- und Lebensräume spielt eine wichtige Rolle.
Das Bundesamt für Naturschutz führt den Steinadler als Art des Anhangs I der europäischen Vogelschutzrichtlinie und weist insbesondere auf den notwendigen Schutz seiner Horstbereiche hin.
Anders gesagt:
Wer heute einem Adler in den Alpen begegnet, schießt höchstens noch ein Foto.
Und das ist auch gut so.
Interessanterweise begann das Umdenken sogar noch zu Dorns Lebzeiten. Im Jahr 1912 stellte Prinzregent Luitpold die Adlerjagd in seinen Revieren ein, um den Bestand vor der Ausrottung zu bewahren. Leo Dorn soll seinen letzten Adler ebenfalls um diese Zeit erlegt haben.
Ausgerechnet jene Generation, die den Adler massiv verfolgte, begann also langsam zu erkennen, dass selbst der vermeintliche Konkurrent irgendwann einfach verschwunden sein könnte.
Ein Stück Allgäuer Geschichte
Leo Dorn starb am 5. November 1915 in Hindelang, wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag.
Geblieben ist die Geschichte eines außergewöhnlichen Mannes: Jäger, Bergsteiger, Jagdverwalter, Wildererverfolger, Leibjäger des Prinzregenten – und eben jener legendäre „Adlerkönig“.
Man muss dabei nicht alles gutheißen, was Leo Dorn tat, um seine Geschichte spannend zu finden.
Im Gegenteil.
Gerade der Blick aus unserer heutigen Zeit macht sie interessant.
Denn Geschichte zeigt uns nicht nur, wie Menschen früher gelebt haben, sondern manchmal auch sehr eindrucksvoll, wie sehr wir unsere Sicht auf die Welt verändert haben.
Der Adler, den man damals als Konkurrenten verfolgte, ist heute eines der eindrucksvollsten Symbole unserer Alpen.
Und vielleicht steckt darin die schönste Wendung der ganzen Geschichte:
Der wahre Adlerkönig ist heute wieder der Adler selbst.