Vom Armutszeugnis zum Luxusaccessoire
Es gibt Kleidungsstücke, deren Geschichte einen erstaunlichen Aufstieg hingelegt hat.
Die Jeans begann als Arbeitshose.
Turnschuhe waren einmal tatsächlich zum Turnen gedacht.
Und Loferl?
Die waren ursprünglich wohl eher die Antwort auf die Frage:
„Was machen wir, wenn für Schuhe das Geld fehlt, aber die Wade friert?“
Heute sieht die Sache etwas anders aus. Mittlerweile gibt es Loferl in handgestrickt, maßgefertigt, mit aufwendigen Mustern und zu Preisen, bei denen man sich durchaus fragen kann, ob nicht irgendwo noch ein halbes Schaf mitgeliefert wird.
Und ja: Auch im Adlerflaumclub soll es den einen oder anderen geben, der sich besonders feine Exemplare für einen durchaus stattlichen Betrag geleistet hat.
Namen nennen wir natürlich keine.
Aber die entsprechenden Waden wissen Bescheid.
Von unten nach oben – oder besser gesagt: nur bis zur Wade
Loferl, Wadenstrümpfe oder Stutzen gehören heute ganz selbstverständlich zur bayerischen Tracht.
Das Interessante daran ist: Eigentlich fehlt ihnen genau das, was man bei einem Strumpf erwarten würde.
Der Fuß.
Zumindest beim klassischen Loferl.
Die Wade bekommt einen gestrickten Überzieher, dazu trägt man separate kurze Füßlinge. Das Knie bleibt frei und darf frische Luft genießen.
Aus heutiger Sicht könnte man sagen:
Das Zwiebelschalenprinzip – nur mit überraschend großen Lücken.
Doch diese Zweiteilung hatte einen sehr praktischen Grund.
Früher wurde nichts weggeworfen
Wer viel zu Fuß unterwegs war, verschliss naturgemäß zuerst den Teil des Strumpfes, der tatsächlich am Fuß saß.
Also genau dort, wo Reibung, Schweiß, Steine, Wege und harte Arbeit zusammenkamen.
Die Lösung war so einfach wie nachhaltig:
Fuß und Wade wurden getrennt gestrickt.
War der Füßling durchgelaufen, musste nicht gleich der komplette Strumpf entsorgt werden. Man ersetzte einfach den unteren Teil und verwendete den Wadenstrumpf weiter.
Heute würde man daraus vermutlich eine große Nachhaltigkeitskampagne machen.
Damals hieß es wahrscheinlich einfach:
„Des obere is doch no guad.“
Und damit war die Diskussion beendet.
Eine warme Wade ohne Schuhe
Der Ursprung der Loferl führt in eine Zeit zurück, in der Schuhe keineswegs selbstverständlich waren.
Gerade ärmere Menschen auf dem Land gingen häufig barfuß. Leder war teuer, Schuhe waren wertvoll und wurden entsprechend geschont.
Ein gestrickter Wadenstrumpf war wesentlich günstiger und bot zumindest etwas Schutz vor Kälte.
Was aus heutiger Perspektive zunächst ein wenig kurios erscheint – unten barfuß, oben warme Wade – hatte durchaus seinen Sinn.
Schließlich ist eine warme Wade immer noch besser als eine kalte Wade.
Der Fuß musste sehen, wie er zurechtkam.
Bitte etwas mehr Anstand am Bein
Es gab aber offenbar noch einen weiteren Grund für die Wadenstrümpfe.
Züchtigkeit.
Nackte Beine waren früher nicht überall gern gesehen. Besonders beim Kirchgang oder bei festlichen Anlässen sollte man ordentlich gekleidet erscheinen.
Und so bekam die männliche Wade ihren eigenen Sichtschutz.
Das ist aus heutiger Sicht durchaus bemerkenswert.
Heute wird auf der Wiesn teilweise sehr viel Aufwand betrieben, damit die Wade möglichst gut zu sehen ist.
Früher wurde gestrickt, damit man sie möglichst wenig sah.
Mode ist eben vor allem die Kunst, alle paar Generationen genau das Gegenteil zu machen.
Die Wadln mussten etwas hermachen
Neben Wärme, Sparsamkeit und Sittlichkeit gab es allerdings noch ein weiteres Thema:
Eitelkeit.
Denn eine kräftige Wade galt als männlich und attraktiv.
Wer von Natur aus mit einem eher dezenten Wadlumfang ausgestattet war, konnte mit gestrickten Stutzen optisch ein wenig nachhelfen.
Gewissermaßen das Push-up-Prinzip der Lederhose.
Nur eine Etage tiefer.
Durch Muster, Stricktechnik und Form ließen sich die Waden kräftiger erscheinen.
Der bayerische Mann hatte also schon vor Jahrhunderten verstanden:
Wenn Muskeltraining zu lange dauert, hilft manchmal auch Textil.
Und warum heißen die Dinger eigentlich Loferl?
Auch beim Namen wird es interessant.
Eine mögliche Erklärung führt zum altbayerischen Wort „Lof“, das mit Baumrinde in Verbindung gebracht wird. Die gestrickten Ränder könnten an die Struktur einer Rinde erinnert haben.
Eine andere Erklärung leitet den Begriff vom Laufen beziehungsweise „loffen“ ab.
Welche Version endgültig stimmt?
Darüber darf man wunderbar diskutieren.
Am besten bei einem Bier.
Mit Lederhose.
Und selbstverständlich mit Loferl.
Vom Sparmodell zum Statussymbol
Und hier wird die Geschichte besonders schön.
Was ursprünglich auch deshalb getragen wurde, weil komplette Strümpfe oder gar Schuhe teuer waren, kann heute selbst erstaunlich kostspielig werden.
Handgestrickte Loferl mit traditionellen Mustern, hochwertigen Garnen und perfekter Passform sind kleine handwerkliche Kunstwerke.
Und Kunst hat bekanntlich ihren Preis.
So kann es passieren, dass ein Mann heute sehr viel Geld dafür bezahlt, einen Teil seines Beines mit einem Kleidungsstück zu bedecken, das einst gerade deshalb entstand, weil man sich etwas anderes nicht leisten konnte.
Das nennt man vermutlich gesellschaftlichen Fortschritt.
Oder Mode.
Im Adlerflaumclub jedenfalls soll es Mitglieder geben, die bei ihren Loferln finanziell ausgesprochen wenig Zurückhaltung gezeigt haben.
Da wird nicht einfach irgendein Wadenstrumpf übergezogen.
Nein.
Da sitzt das Muster.
Die Länge stimmt.
Die Wolle stimmt.
Und vermutlich wurde vorher auch sehr genau geklärt, an welcher Stelle die Wade ihren maximalen repräsentativen Umfang erreicht.
Denn wer schon viel Geld für seine Loferl bezahlt, möchte anschließend natürlich nicht hören:
„Ah, scheene Socken.“
Socken!
Da hört der Spaß auf.
Loferl trägt man mit Haltung
Und damit kommen wir zur vielleicht wichtigsten Erkenntnis:
Loferl sind längst nicht mehr bloß Kälteschutz.
Sie sind ein kleines Statement.
Sie gehören zur Lederhose, zum Haferlschuh, zur Tracht und zu jener besonderen bayerischen Fähigkeit, aus etwas ursprünglich Praktischem irgendwann eine Wissenschaft zu machen.
Wie hoch sitzen sie?
Welches Muster?
Welche Farbe?
Wie breit?
Wie viel Wade darf zwischen Lederhose und Loferl sichtbar bleiben?
Fragen, über die andernorts vermutlich niemand nachdenken würde.
In Bayern kann daraus problemlos ein längeres Gespräch entstehen.
Eine bemerkenswerte Karriere
Vom günstigen Kälteschutz für Menschen ohne Schuhe über züchtige Beinkleidung und optische Wadenverstärkung bis zum handgestrickten Luxusaccessoire:
Die Karriere der Loferl kann sich sehen lassen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie bis heute so wunderbar zur bayerischen Tracht passen.
Sie sind praktisch.
Ein bisschen eitel.
Traditionell.
Gelegentlich völlig überteuert.
Und man kann herrlich darüber diskutieren.
Eigentlich also durch und durch bayerisch.
Und falls beim nächsten Adlerflaumclub-Treffen jemand besonders stolz die Lederhose etwas höher zieht:
Nicht wundern.
Vielleicht möchte er einfach nur zeigen, wo das Geld geblieben ist.